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Kleine Kinder – kleiner Kindesunterhalt, große Kinder – großer Kindesunterhalt? Wie sich die Unterhaltsansprüche verändern, wenn die Kinder flügge werden

Januar 2013

Die Höhe des geschuldeten Kindesunterhalts richtet sich bekanntermaßen nach der so genannten Düsseldorfer Tabelle, einer statistischen Erhebung, die die Richter am Oberlandesgericht Düsseldorf in regelmäßigen Abständen in Auftrag geben.

Wenn die Kinder 6 bzw. 12 Jahre alt werden, steigt der Unterhaltsanspruch, der sich durch Eingruppierung des Verpflichteten in eine von 10 Einkommensgruppen ermittelt. Das staatliche Kindergeld wird zu 50 % auf die Tabellensätze angerechnet.

Während diesen Rechengang der Laie, der sich mit der im Internet zugänglichen Literatur einliest, noch einigermaßen selbst nachvollziehen kann, sind die meisten Elternteile ratlos, wie zu verfahren ist, sobald ein Kind volljährig wird, sobald es eine Lehre oder ein Studium antritt oder sobald es von Zuhause auszieht. All diese Meilensteine im Leben eines jungen Menschen haben nämlich großen Einfluss auf die Höhe des Kindesunterhalts:

Beginnt ein junger Mensch vor dem 18. Geburtstag eine Lehre und verfügt dann über eigenes Einkommen, so wird zunächst einmal ein Ausbildungsfreibetrag von 90,00 € aus der Lehrlingsvergütung herausgerechnet. Der verbleibende Nettobetrag wird - ebenso wie das staatliche Kindergeld - nur zu 50 % auf den Bedarfssatz nach Düsseldorfer Tabelle angerechnet . Bei einer Lehrlingsvergütung von 500,00 € netto sinkt also die bisherige Unterhaltsverpflichtung um 205,00 €.

Sobald das Kind volljährig wird, wird sowohl das staatliche Kindergeld als auch das um den Ausbildungsfreibetrag bereinigte Einkommen zu 100 % bedarfsdeckend berücksichtigt. Dafür wird aber auch der Bedarf des Kindes aus dem zusammengezählten Nettoeinkommen beider Elternteile unter Zugrundelegung der Einkommensgruppen der Düsseldorfer Tabelle ermittelt.

Beim volljährigen kindergeldberechtigten Kind mit einer Nettolehrlinsvergütung von 500,00 € ist also ein Bedarf in Höhe von (410,00 € + 184,00 € =) 594,00 € gedeckt, so dass, jedenfalls bei bescheidenen Einkommensverhältnissen der Eltern, kein Unterhalt mehr geschuldet wird. Erst ab einem zusammengezählte Elterneinkommen von 3.101,00 € ergibt sich nach der Düsseldorfer Tabelle ein Bedarfssatz des Kindes von 625,00 € und damit ein restlicher Unterhaltsanspruch von 31,00 €.

Jedoch verändern sich die Unterhaltsansprüche mit Eintritt der Volljährigkeit auch dann gravierend, wenn das Kind über keine eigenen Einkünfte verfügt und zum Beispiel noch die Schule besucht oder studiert.

In diesem Fall ist zu unterscheiden, ob das volljährige Kind noch zuhause bei den Eltern wohnt oder ob es einen eigenen Hausstand, zum Beispiel eine Studentenbude, hat.

Im letzteren Fall wird der Bedarf pauschal mit 670,00 € angesetzt. Hierin ist eine Warmmiete von 280,00 € enthalten, nicht aber Krankenversicherungskosten und Studiengebühren. Sie müssen noch zusätzlich gezahlt werden.

Den Bedarf müssen sich die Eltern, soweit er nicht durch das staatliche Kindergeld gedeckt ist, teilen entsprechend ihren Einkommensverhältnissen. Das Einkommen der Eltern jenseits ihres Selbstbehalts wird zueinander in Relation gesetzt und in der gleichen Relation müssen die Eltern den ungedeckten Bedarf des Kindes übernehmen.

Der Selbstbehalt gegenüber einem volljährigen Schüler beläuft sich derzeit auf 950,00, der Selbstbehalt gegenüber Studenten und Lehrlingen beläuft sich auf 1.150,00 €.

Hat zum Beispiel die Mutter eines auswärts studierenden Kindes ein um Schulden und Fahrtkosten bereinigtes Nettoeinkommen von 2.150,00 € und der Vater in Höhe von 3.150,00 €, so müssen die Eltern den ungedeckten Bedarf des Kindes im Verhältnis 1.000,00 zu 2.000,00 abfangen, das heißt, die Mutter muss 1/3 übernehmen, der Vater 2/3.

Der Pauschalbedarf von 670,00 € ist gedeckt in Höhe von 184,00 € Kindergeld. Vom ungedeckten Rest von 486,00 € hat der Vater einen Anteil zu übernehmen i.H.v. 324,00 €, die Mutter i.H.v. 162,00 €.

Lebt das Kind bei einem Elternteil, muss dieser seinen Anteil am Bedarf des Kindes nicht zwangsweise in bar an das Kind auszahlen, sondern kann diesen Anteil auch durch Naturalleistungen wie Wohnungsgewährung oder Verköstigung entrichten.

Es ist auch ganz legitim, wenn derjenige Elternteil, bei dem das Kind lebt, aus den Einnahmen des Kindes -sei es aus Lehrlingsvergütung, sei es aus Unterhalt vom anderen Ehegatten- einen angemessenen Kostenbeitrag verlangt.

Ungünstig ist die Situation eines volljährigen Kindes mit mehreren minderjährigen Geschwistern geregelt: Die zur Verfügung stehende Verteilungsmasse der Eltern wird primär verwendet, um die Unterhaltsansprüche der minderjährigen Kinder und sodann der Elternteile, die sie betreuen, abzudecken. An dritter Rangstelle stehen dann die unterhaltsberechtigten Ehegatten, die keine Kinder mehr betreuen und erst an vierter Rangstelle kommen die volljährigen Kinder nach Beendigung der Schule an die Reihe.

Heiratet also ein geschiedener Vater nochmals und gehen aus seiner neuen Ehe weitere Kinder hervor, ist es, sofern er nicht deutlich überdurchschnittlich verdient, leicht möglich, dass die zur Verfügung stehende Verteilungsmasse jenseits des Selbstbehalts schon aufgebraucht wird durch die minderjährigen Geschwister und die sie betreuende Stiefmutter und das studierende Kind keinen Unterhalt mehr von seinem Vater realisieren kann. Es muss dann sein Heil in staatlicher Unterstützung durch BAföG oder einen Studienkredit suchen bzw. muss sich an den anderen Elternteil wenden.